Rückmeldung; Ungarn: „Sturm im Wasserglas“ – Nachtrag, 21. Mai

Rückmeldung

Nach einem kleinen Auslandsaufenthalt bin ich wieder zurück. Es war erfrischend mal den „kleinen Wahnsinn“ in Deutschland zurück zulassen und einem anderen Volk beim Leben zuschauen zu können und „Normalitäten“ zu betrachten: zum Beispiel auf manche Punkte aus der Vergangenheit stolz sein und das auch darstellen zu können, das klassisches Familienbild scheint noch allgemein anerkannt und die Kirchen sind etwas voller. Dafür ist man aber manchmal noch etwas engstirnig, Umweltschutz und Barrierefreiheit scheint ein Luxus zu sein und die Globalisierung mit ihrer Vereinheitlichung im negativen Sinn ist auch schon angekommen. Ich rede von Polen und es war im Großen und Ganzen schön dort, wenn auch noch einiges getan werden muss.

 

Ungarn: „Sturm im Wasserglas“

Was auch erfrischend war, war die Pause von unseren Medien. Nicht das die in dem anderen Land besser aussah (auch so RTL-Ramsch-Niveu mit ein bisschen FOX-News) aber ideologische Käseglocke war endlich über einen Weg. Nur am Rande bekam man etwas mit. Als ich jetzt  zurück kam, fand ich auf Spiegel Online wieder einen Artikel der Ungarn wieder als Erzbösewicht etablieren möchte. Und das auf eine Weise die so typisch für unsere „liberalen“ Medien sind: sachliche Hinterfotzigkeit.

Titel des Spiegel-Artikels: Ungarn: Premier Orbán wirft Merkel Nazi-Methoden vor.

Lesart: Der Orbán ist ein rechter Spinner der es sich jetzt sogar noch mit den „Freunden“ von der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament versaut. Ein gefährlicher Nationalist etc. Die Stimme der Vernunft ist einzig und allein die Opposition.

Die Bundeskanzlerin hatte die demokratischen und rechtsstaatlichen Defizite in Ungarn kritisiert und wörtlich gesagt: „Wir werden alles tun, um Ungarn auf den richtigen Weg zu bringen, aber nicht gleich die Kavallerie schicken.“ Merkel hatte sich mit dem Satz auf eine Äußerung des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück bezogen, der zuvor auf demselben Forum einen EU-Ausschluss Ungarns für möglich gehalten hatte. Zugleich war Merkels „Kavallerie“-Formulierung eine Anspielung auf einen früheren Steinbrück-Spruch zum Steuerstreit mit der Schweiz.

„Die Deutschen haben schon einmal eine Kavallerie geschickt“

Viktor Orbán reagierte in seiner Radiosendung am Freitag sichtlich genervt auf Merkels Äußerungen – obwohl sie sich ausdrücklich für eine moderate Verfahrensweise mit Ungarn ausgesprochen hatte. „Die Deutschen haben schon einmal eine Kavallerie geschickt, und zwar in Form von Panzern“, sagte Orbán. „Unsere Bitte wäre, sie nicht noch mal zu schicken. Es war schon damals keine gute Idee, und es hat nicht funktioniert.“

Ganz anders sieht es Boris Kálnoy in der „Welt“:

Irgendwie schaffte es „Spiegel Online“-Autor Keno Verseck dennoch, daraus einen Angriff auf Merkel zu basteln: Orbán werfe ihr „Nazi-Methoden“ vor, schrieb er. Angesichts der Faktenlage schwer nachzuvollziehen, aber die ungarischen Oppositionsmedien griffen es dankbar auf, und nun geistert die Geschichte, unter dem Titel „Orbán wirft Merkel Nazimethoden vor“ durchs Internet.

Was ist die „Faktenlage“ von der Herr Kálnoy spricht? Weiterer Auszug aus seinem Artikel:

Die Kanzlerin, so will es der Wahlkampf, war gezwungen, so reagieren: Man sollte nicht immer gleich „die Kavallerie schicken“, sagte sie in Anspielung auf Steinbrücks einstige militaristische Rhetorik gegenüber der Schweiz (da war es um Steuerfragen gegangen). Ein Ausschluss Ungarns bedeute, dass man danach keinen Einfluss mehr auf das Land habe. Ihre Regierung wolle auch weiterhin alles tun, um auf Ungarns europäische Vertragstreue zu achten, und im übrigen habe Ministerpräsident Viktor Orbán ihr wiederholt zugesichert, dass er sich an bindende EU-Urteile halten werde.

Harmlose Aussagen fachen medialen Sturm an

So weit, so unaufregend. Doch dann wurde Orbán daheim gefragt, was er denn von diesen Bemerkungen halte. Daraus wurde ein Musterbeispiel dafür, wie aus an sich harmlosen Aussagen ein medialer Sturm angefacht werden kann. Es sei wohl wirklich besser, wenn die Deutschen die Kavallerie im Stall ließen, sagte der ungarische Ministerpräsident (und gab damit Merkel recht).

Denn die Kavallerie sei ja schon einmal in Ungarn gewesen, in Form deutscher Panzer. „Es hat damals nicht geklappt, und es würde auch diesmal nicht klappen“, sagte er. Und zielte damit klar auf Steinbrück, zu dessen Markenzeichen der Satz mit der Kavallerie gehört.

Also geht es um Steinbrück und nicht um Merkel. Der Welt-Autor führt noch weitere Beispiele auf, bei denen deutsche Medien Schützenhilfe für die ungarische Opposition gegeben haben. Es bleibt also die Frage: Fehlinterpretation des Spiegel-Autors oder bewusste Simmungsmache? [Stimmungsmache! Siehe Nachtrag unten.] Der Deutsche muss weiter auf der Hut bleiben, was „seine“ Blätter schreiben.

Nachtrag, 21. Mai
Das mit dem „Sturm im Wasserglas“ bewahrheitet sich. Außer dem Spiegel sprang bisher keine weitere Netzausgabe irgend einer großen Zeitung an. Der „Nazi-Vergleich“ bleibt fast nur beim Spiegel ein „Nazi-Vergleich“ – in drei Artikeln! Allerdings eben dadurch nur „fast“. Im letzten Artikel „Deutsche Reaktionen auf Nazi-Vergleich: Vereint gegen Orbán“ wird wieder die „linke“ „Volksfront-Rethorik“ bemüht: Die „Fremdherzigen“ aus verschiedenen Parteien (FDP, Grüne, SPD und der Herr Polenz) hier zu Lande, nutzen die Gelegenheit Frau Merkel und die Union über den Umweg „Ungarn“ zu diskreditieren. Nach dem Motto: „Mit so einem gibt die sich ab“. Wie gesagt, diese Verunglimpfung baut auf einer Falschaussage auf. Es ist dadurch eben nicht Ungarn das sich in die Isolation treibt, sondern dieses Konglomerat aus radikalliberalen und fanatischen Sozialdemokraten das durch Verunglimpfungen, Drohungen und Übertreibungen Ängste gegenüber den Ungarn schürt. Es zeigt, dass diese Medien (und die üblichen Politiker), die sonst auf „kultursensible“ Berichterstattung (Zum Beispiel bei nationalisitschen Ausfällen des türkischen Premiers Erdogans) stehen und andere Medien wegen ihres „Griechenland-Bashings“ (Deren Bevölkerung tatsächlich „Hitler-Vergleiche“ bemüht) o.ä. anklagen, in diesem Fall die gleichen Methoden verwenden, weil es ja im Sinne ihrer Ideologie ist.

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