Bürgerliche deutsche Jugend!? Eher Neo-Biedermeierlichkeit.

"Den Teufel spürt das Völkchen nie,
und wenn er sie beim Kragen hätte." - Goethe, Faust I

Ich komme aus einem Umfeld, in dem jede „bürgerliche Tugend“ eine über Jahre hart erarbeitete Sache ist. „Bürgerlichkeit“ (Ich spare mir für heute ein Definition) ist daher für mich nicht primär mit stumpf-biederer Pflichterfüllung im kapitalistischen Sklavensystem verbunden, sondern gilt für mich als eine sinnstiftende, kulturtragende und praktische Art des menschlichen Zusammenlebens .  Es ist für mich eine – widersprüchliche – „idealistische Tatsache“ die seit Jahrhunderten funktioniert.
Da ich aber auch aus diesen weniger-bürgerlichen Verhältnissen stamme, kann ich mich dem kritischen Blick nicht verweigern, den ich über die Jahre gewonnen habe.  Ergebnis ist, dass der oben erwähnte Vorwurf von der „stumpf-biederer Pflichterfüllung“ tatsächlich da ist und es mich auch immer wieder entsetzt, welche „Schablonen-Menschen“ in diesem Umfeld erwachsen oder wie unreflektiert diese Lebensweise zelebriert wird.
Als Beispiel dieser Unreflektiertheit möchte ich ein paar Beispiele bringen, bevor ich kurz auf einen Welt-Artikel eingehe, der diese „bürgerliche deutsche Jugend“ beschwört.

Das die „Bürgerlichkeit“ bei einigen Leuten so selbstverständlich  ist, dass sie diesen schon nicht mehr bewusst ist, beschreibe ich mal an folgenden Beispielen:

Intoleranz:  Die Ablehnung anderer Lebensformen entwächst einer Arroganz die auf fehlender Reflexion der eigenen Lebensart zu fußen: Da wird die junge Mutter, die gerade mit der Familiengründung befasst ist, im katholischen Gemeinderat gemoppt, weil sie (wegen der Familiengründung) nicht regelmäßigen kommen kann. Da sind die Söhne und Töchter dieser moppenden Gemeinderatsmitglieder, die aus halbwegs stabilen Familien stammen, die straff durchs Gymnasium marschieren, sich nebenbei sozial engagieren, irgend ein mechanisch-praktisches Hobby haben (Fußball, Basketball, Radfahren, Musikinstrument, etc.), im Studium karriereorientiert Praktika abklappern, auf Hauptschüler und Realschüler schimpfen (was sie dann wieder zurücknehmen, wenn sei bei den Jusos anfangen) und sich langfristige Partnerschaften zulegen möchten. Heirat und Familiengründung steht fest, lediglich der Termin ist noch fraglich. In diesem so bürgerlichen Schemata kommen dann aber neben der Intoleranz eben eine Blasiertheit zu Tage, die mir in vielen Fällen graust: Da ist man zwar der der bürgerliche Spross, wählt dann aber fleißig die Grünen, möchte am liebsten Hippie sein, kommt bei politischen Diskussionen aber nicht über Tagesschau-Niveu hinaus und die Neon ist eine Art Leitmedium. Pornos sind entweder Standart oder werden mit einer Distanz betrachtet bei der ich mich ins 19. Jahrhundert zurück versetzt fühle. Manche Mädchen holen sich übergangsweise Linksextreme aufs Zimmer, nur um ihn dann abzusägen, Jura zu studieren und dann mit spießigen Sportstudenten rumzuvögeln (Dieses Prinzip setzt sich dann auch konsequent fort, wenn die Sportstudenten „liebe Papas“ werden. Dann muss wieder ein „Prolet“ her). Apropos „Rumvögeln“: Die bürgerlichen Jungs brechen aus ihrer „langfristigen Beziehungssuche“ gerne aus und wechseln ihre Partnerinnen, meist jüngere „Arbeiter“-Töchter, wie die Schuhe.
Neben diesen Liebesdingen ist der Alltag gefüllt mit machen-machen-machen: Schule, Studium, Arbeit, Putzen, Hobby, Feiern, Schlafen und Ende. Zeit zum Lesen, Denken, Zusammenkommen und Ähnlichem fällt aus. Mit den „großen Dingen“ möchte man nur zu tun haben, wenn sie das Privates berühren. Bloß nicht Denken! Freunde! Familie (Was ist das denn noch, zu Zeiten der Homo-Ehe?)! Der Rest? Egal – so lange darüber nichts im Fernsehen kommt! Man ist vom Volk „emanzipiert“ und „individualisiert“ – „frei“. Wenn irgendwo Nazis blockiert werden, stellt man sich dann an die Seite schwarz-roter Fahnen und Ideen, die die „bürgerliche Gesellschaftsordnung“ überwinden wollen.

Die Forschungsgruppe Wahlen hat nun im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung die deutsche Jugend untersucht und ist zum Schluss gekommen, dass sie bürgerliche und konservative Werte anstrebt. Das finde ich sehr lustig, da – laut der Studie – der Begriff „Konservativ“ bei diesen Leuten doch verpönt ist. Die Welt „wird dynamischer“ und deswegen sucht man sein Heil in einer von der Tradition entkoppelten „traditionellen Familie“.  Dieser Rückzug ins Private hat schon einmal in der deutschen Geschichte stattgefunden. Damals nannte man es „Biedermeier“.

Deswegen würde ich diese Generation „Neo-Biedermeier“ nennen. Diesmal nicht den Fürsten sondern den Firmenchefs zur Freude, weil deren „Untertanen“ ihre „Sklaverei“ als „Leistungsorientierung“ bezeichnen. Die Leserin / der Leser kann sich selbst überzeugen. Hier der Artikel: http://www.welt.de/politik/deutschland/article116946779/So-buergerlich-tickt-die-deutsche-Jugend.html

P.S.: „Du stellst ja das „bürgerliche Leben“ ziemlich schlecht dar, verteidigst es aber auch. Warum?“
Ganz einfach: Ich lebe mit positiven Beispielen zusammen und lehne die Bürgerlichkeit ja in seiner Gesamtheit nicht ab. Im Gegenteil: Deutschland braucht nach fast 100 Jahren pausenloser Revolution (1919, 1933, 1945, 1968, ca. 1980, 1990, 2002) überhaupt eine „Bürgerlichkeit“. Es müsste nur etwas „korrigiert“ werden bzw. den Menschen bewusst gemacht werden, welches Glück (z.B. im Vergleich zu reinen Stammesgesellschaften) sie eigentlich haben und ein „Standesbewusstsein“ (ich nenne es jetzt mal so) her, das entfernt ist von dieser Intoleranz, Blasiertheit und sinnlosen – weil „nur“ privaten – „Leistungsorientierung“. Das sinnstiftende Element der Bürgerlichkeit das auch gemeinschaftlichere Gedanken (Empathie, Glaube/Tradition, Offenheit, Volk)  miteinbezieht, kann wieder wirken, wenn damit gearbeitet werden würde.

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